Die Hufeisen-Theorie – mangelhaft aber hilfreich!

Sehr geehrter Herr Buschmann,

vielen Dank für Ihren Artikel in der WELT, in dem Sie die sog. Hufeisentheorie vertreten, nach der Links und Rechts keine maximal voneinander entfernt liegenden Pole einer Geraden sind, sondern sich wie bei einem Hufeisen in den Extremen wieder relativ nahe liegen.

Auch wenn angesichts von Hanau und viel zu vielen anderen widerlichen rechtsextremen Attentaten gegenwärtig die Gefahr von rechts präsenter und auch gewalttätiger ist: Das Bild wäre sehr hilfreich, wenn es sich in der öffentlichen Debatte durchsetzen würde, weil es die Gefahr bewusster machen würde, die auch von Linksextremen ausgeht. Denn Sozialisten töten, zumindest historisch betrachtet, genauso wie Faschisten Millionen Menschen oder internieren sie in Lagern, wenn sie die Macht dazu bekommen. Vor allem weil Links- wie Rechtsextremisten kollektivistische Ideen vertreten, nach denen die Freiheit des Individuums – Kernwert demokratischer Verfassungen – keine Rolle spielt, und Menschenrechte denen abgesprochen werden, die nicht ins jeweilige Kollektiv passen. Da stimme ich Ihnen vollkommen zu. Allerdings scheint auch ein Links-Rechts-Schema in Hufeisenform nicht ausreichend zu sein, um die verschiedenen politischen Ausrichtungen einzuordnen, allein schon weil sich auch religiöse Extremisten in beschriebener Weise verhalten.

Das Hufeisen noch weiter verengen

Aber auch wenn wir religiösen Extremismus beiseite lassen, tauchen schnell weitere Probleme auf. Denn viele Positionen von Extremisten lassen sich gar nicht klar Links oder Rechts zuordnen. Antiamerikanismus, Antisemitismus, Antikapitalismus, Israelfeindlichkeit, selbst die esoterische Verklärung der Natur bzw. Ökologismus finden wir praktisch gleichlautend links wie rechts. Mindestens in diesen Themen müssten wir das Hufeisen soweit verengen, dass sich die Enden berühren. Querfrontfiguren wie Horst Mahler oder Jürgen Elsässer, die (ohne viel an ihren Positionen geändert zu haben) klar die Seiten gewechselt haben oder gar nicht mehr richtig eingeordnet werden können, illustrieren die Nähe und Durchlässigkeit zwischen Links und Rechts auf sehr schaurig-anschauliche Weise.

Widersprüchliches links und rechts

Noch komplizierter wird es allerdings, wenn wir uns vor Augen halten, dass den genannten Positionen an beiden Enden des klassischen politischen Spektrums auch die jeweils genau entgegengesetzten Sichtweisen gegenüberstehen. Wir finden ja z.B. Antiamerikanismus und Antizionismus nicht nur ganz rechts und ganz links, sondern wir finden auch proamerikanische und proisraelische Haltungen ganz rechts und ganz links – rechts etwa im Umfeld des Blogs Politically Incorrect, links im Spektrum der Antideutschen. Und diese Punkte sind für solche Gruppen und Szenen keine unbedeutenden Nebenschauplätze sondern sehr zentrale Inhalte im jeweiligen Selbstverständnis. Genau genommen haben wir mit Anarchismus und vielleicht Anarchokapitalismus sogar links wie rechts Anschauungen, die alles andere als kollektivistisch sind.

Hufeisen-Schema – mangelhaft aber hilfreich

Letztlich ist es wohl unmöglich, alle möglichen politischen Einstellungen und deren bunte Kombinationen in ein Links-Rechts-Schema zu pressen. Es gibt ja nicht nur zwei unterschiedliche Meinungen mit verschiedenen Schattierungen dazwischen. Auch wenn die Hufeisentheorie also ebenfalls nicht ausreicht, wünsche ich Ihnen trotzdem maximalen Erfolg bei der Etablierung dieses Bildes. Denn das wäre ein gewaltiger Fortschritt, weil es die Gefährlichkeit jeden Extremismus‘ und die Demokratiedistanz von linken wie rechten Extremisten veranschaulicht. Zudem sind die Kategorien Links und Rechts dermaßen verinnerlicht, dass es wohl völlig aussichtslos wäre, ein Schema zu etablieren, dass diese Begriffe nicht als zentrale Bezugspunkte verwendet. Eine Anregung wäre aber, noch stärker die geradezu fließenden Übergänge zu betonen und die Kollegen von WELT darum zu bitten, die Grafik nochmal neu aufzusetzen und dabei die Enden des Hufeisens einander erheblich stärker anzunähern.

Vielen Dank für Ihren Beitrag!

Mit besten Grüßen,

Gero Ambrosius

Update 30.03.2020: Bereits am 17.03. hat Herr Buschmann eine sehr freundliche Antwort gemailt, diese jedoch leider nicht zur Veröffentlichung frei gegeben.