Kopf hoch, Herr Palmer! Viel Feind, viel Ehr‘!

Sehr geehrter Herr Palmer,

vor ein paar Jahren hatte ich mal einen Mitbewohner aus Ihrer Partei. Ein halbwegs erfolgreiches Parteimitglied sogar, auch durchaus nett, allerdings irritierend unpolitisch. Wenn er mit seinen Parteikollegen in der WG-Küche Bier getrunken hat, dann haben sie eigentlich immer nur über ihre Karriereplanung gesprochen. Wen man kennen sollte, wer auf dem aufsteigenden Ast ist, an welche erfolgreichen Politiker man sich dranhängen sollte, wen man hingegen meiden sollte, welcher Ausschuss eine Sackgasse ist usw. Das Interesse an inhaltlichen Fragen war dagegen nur ziemlich schwach ausgeprägt. Wollte man ein bisschen debattieren, wurden vor allem Statements geäußert, die wie auswendig gelernte Fragmente aus dem Parteiprogramm klangen. Man brannte nicht für Inhalte sondern für Aufstiegschancen, so der Eindruck.

Ziemlich einleuchtend, dass solche Leichtmatrosen Angst vor kontroversen Debatten haben, oder? Es ist ja auffällig, dass die meisten Ihrer Gegner gar nicht gegen Sie argumentieren, sondern nur auf Sie eindreschen. Verunglimpfungen, Beleidigungen, Morddrohungen! Und die Kritik von ganz oben aus Ihrer Partei erscheint auch eher wie das dankbare Annehmen einer Gelegenheit, Querdenken zu unterbinden, auch wenn man öffentlich natürlich das Gegenteil behauptet. Bei den Grünen, wo blind und roboterhaft Randgruppen in Schutz genommen werden, ist der Vorwurf des „permanenten Diskreditierens von Minderheiten“ ja fast eine Auszeichnung. Kritische Menschen werden ja geradezu genötigt, regelmäßig entsprechende Einwände zu äußern.

Undemokratische Attacken gegen legitime Einwände

Tatsächlich ist Ihnen ja auch im aktuellen Fall nix vorzuwerfen. Ok, eine zu sehr zugespitzte Formulierung, aber das haben Sie ja längst selbst eingeräumt und ausführlich erklärt. Der eine, ständig zitierte Satz allein klingt natürlich gewissenlos. Aber im Kontext wird ja klar, dass Sie eigentlich nur auf das Dilemma hinweisen, dass nicht nur eine Öffnung sondern auch ein Geschlossenhalten unserer Strukturen viele Opfer fordern kann. So ähnlich wie auch Schäuble und andere das taten. Und dass erschwerend hinzu kommt, dass auf der einen Seite zum großen Teil alte Menschen kurz vor ihrem natürlichen Lebensende und auf der anderen Seite (neben anderen Hochbetagten!) Menschen jeden Alters und auch Kinder betroffen sind. Selbstverständlich ist jedes Leben erhaltenswert, aber bei solch einer Abwägung – einem Entweder-oder – kann man ja gar keine moralisch einwandfreie Entscheidung treffen. Trotzdem wirft Ihnen die Meute vor, Sie würden alte Leute einfach verrecken lassen wollen. Absurd.

Das „problematische Muster“ ist nicht die regelmäßige Provokation, wie es Ihnen vorgeworfen wird. Das problematische Muster ist die Verweigerung der Debatte. Noch dazu mit den Mitteln des persönlichen Angriffs. Und dieses Muster greift überall und betrifft uns alle. Davon sind die Leute mittlerweile in Massen komplett angekotzt. Davon, dass vor allem bei Themen wie Migration, Klimaschutz oder nun Corona – jede abweichende Meinung gleich mit persönlichen Angriffen bestraft wird. Dass immer gleich gegen die Person gegangen wird, statt auf der Sachebene zu bleiben. Dass so viele vernünftige Argumente unausgesprochen bleiben, weil sie nicht ohne soziale Gefahren geäußert werden können. Dass wer kritische Einwände äußert, immer gleich „einer von denen“ ist. Das ist einer Demokratie schlicht unwürdig.

Demokratie verlangt Respekt für Andersdenkende

Wie traurig, dass man immer wieder an Voltaire erinnern muss. An das ihm zugeschriebene Postulat, nach dem man eine Meinung zutiefst verabscheuen kann, sich aber gleichzeitig mit allem was man hat dafür einsetzen sollte, das Recht zu verteidigen, diese Meinung zu äußern. Wer Demokrat ist, der bleibt auf der Sachebene. Der verteidigt selbst seinen politischen Gegner gegen persönliche Angriffe. Wer Demokrat ist, der kann emotional und voller Leidenschaft Positionen vertreten, aber er respektiert Andersdenkende und begegnet ihnen mit Argumenten und nicht mit Ausgrenzung.

Herr Palmer, Ihre Partei sollte sich glücklich schätzen, Querdenker in ihren Reihen zu haben, denn sie erhöhen die Qualität, selbst wenn sie falsch liegen. Sie zwingen zu einer Überprüfung der eigenen Argumentation und zur Überwindung falscher Annahmen oder zur Schärfung der bestehenden Position. Statt ein bisschen mutig zu sein, und die Kontroverse zu begrüßen, wird offenbar der Trend immer stärker, Selbstdenker zu sanktionieren. Freuen tut das nur die unpolitischen Mitläufer beim Planen ihrer Karriere am Küchentisch.

Herr Palmer, ich hoffe, Sie überstehen diesen Dreckssturm möglichst unbeschadet. Die persönlichen Angriffe gegen Sie offenbaren nur die argumentative Schwäche und mangelnde Integrität Ihrer Gegner. Alles Gute, bleiben Sie kritisch!

Mit besten Grüßen,

Gero Ambrosius

Update 17.05.2020: Herr Palmer hat (bereits am 11.05.) eine sehr freundliche Mail zurückgeschrieben, diese aber nicht zur Veröffentlichung freigegeben.